veröffentlicht am 08.08.2026 in der BERLINER MORGENPOST
Wer im Berliner Nachwuchsleistungssport glänzt, wird gefeiert. Wer stolpert, sich verletzt oder schlicht die Lust verliert, wird aussortiert. Seit über einem Jahrzehnt wird an den drei Berliner Eliteschulen des Sports – dem Schul- und Leistungssportzentrum Berlin (SLZB), der Poelchau-Schule und der Flatow-Schule – eine Debatte auf dem Rücken der Jugendlichen ausgetragen: Wie verfährt das System mit Athletinnen und Athleten, die die leistungssportliche Ausbildung abbrechen? Die Antwort ist ebenso schlicht wie ernüchternd: wer sportlich nicht mehr in das System passt, soll die Schule verlassen.
Leistungssport ist immer auch mit dem Risiko des Scheiterns verbunden. Meist sind es Verletzungen oder stagnierende Leistungen, die das sportliche Ende einer sportlichen Laufbahn erzwingen. Wer junge Menschen bewusst in dieses System aufnimmt, muss deshalb auch Verantwortung für den Moment übernehmen, in dem ihre sportliche Karriere endet. Doch während fast alle der gut 40 anderen deutschen Eliteschulen für diesen Fall längst tragfähige Alternativ- und Verbleibmodelle entwickelt haben, gestaltet sich dieser Prozess in Berlin – wie so Vieles im öffentlichen Leben der Hauptstadt – als eine zähe, endlose Achterbahnfahrt, allerdings als eine Fahrt ohne erkennbares Ziel.
Das ignorierte Gebot der Fürsorge
Das Abgeordnetenhaus hat sich der Thematik über die Jahre hinweg parteiwechselnd angenommen. Unter den Abgeordneten herrscht im Grundsatz Einigkeit: Jugendlichen, die das harte Training beenden, muss eine tragfähige schulische Alternative am gewohnten Standort geboten werden. Wer sich jahrelang im Leistungssport engagiert, gekämpft und auf unendlich viel Freizeit verzichtet hat, darf nicht einfach aus dem System gedrängt werden.
Man muss gar nicht erst die drakonische DDR-Praxis der ehemaligen Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) als mahnendes Negativbeispiel heranziehen. Schon aus der staatlichen Fürsorgepflicht ergibt sich die Verantwortung, das Wohl dieser Schülerinnen und Schüler zu schützen. Doch in Berlin prallt diese Pflicht an einer Mauer aus bürokratischer Sturheit ab.
Eine Dekade der Ausreden: Die Chronologie der Blockade
Die Chronik der politischen Nachfragen liest sich wie eine Verwaltungssatire, deren Handlung sich im Kreis dreht. 2015 fragt die damalige grüne sportpolitische Sprecherin Stefanie Remlinger erstmalig an – die Antwort war eindeutig: „Keine Chance – Abschulung!“ 2018 wird Dennis Buchner (SPD) die Möglichkeit eines Sportartenwechsels für die Jugendlichen bis Klasse 10 in Aussicht gestellt, danach Schluss. 2019 kündigt man Paul Fresdorf (FDP) ein Konzept für die Oberstufe an. Es blieb bei der Ankündigung. Dabei war die Forderung nach einem Ausstiegskonzept inzwischen sogar in den Koalitionsvertrag von Rot-Rot-Grün aufgenommen worden. 2020 folgte die nächste Anfrage – nichts. 2022 wurde dem Abgeordneten Sebastian Czaja (damals FDP) in Aussicht gestellt, betroffene Schülerinnen und Schüler könnten künftig eine Trainerlizenz erwerben – ein Vorschlag, den die Poelchau-Schule schon 2010 ohne Erfolg eingebracht hatte. Eine Konzeption? Fehlanzeige.
Als die CDU-Abgeordnete Sandra Khalatbari Ende 2022 erneut nachfragte, erhielt sie den bemerkenswerten Hinweis, sie möge doch die bisherigen Antworten lesen – es habe sich nichts geändert. 2023 war ein Jahr der Stille. 2024 griff die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Klara Schedlich, das Thema erneut auf. Antwort: weiterhin keine Veränderung. 2025 keimte Hoffnung auf. Ein Bericht im Tagesspiegel ließ vermuten, dass der Landessportbund Bewegung in die festgefahrene Debatte bringen wolle: eine Zeitungsente. Sommer 2025: die in der Bildungsverwaltung angesiedelte „Kopfstelle Sport“ erklärt, ein dauerhafter Verbleib widerspreche dem Profil der Eliteschulen. Allenfalls Einzellösungen seien denkbar. 2026 lautet die Antwort: Man arbeite „an einer Gestaltung von Übergängen“. Selbst davon ist in der neuesten Antwort vom Juni 2026 gar nicht mehr die Rede.
Die politische Spurensuche der vergangenen elf Jahre gleicht einem Trauerspiel der administrativen Verschleppung. Man arbeite. Seit elf Jahren. Man könnte fast glauben, die Verwaltung sei ein Hochleistungssportler, der sich im Dauertraining befindet – allerdings ohne jemals an den Start zu gehen.
Die Blockierer im „administrativen“ Bereich?
Bei aller Absurdität dieser Vorgänge stellt sich die fundamentale Frage: Wer blockiert hier eigentlich wen? Wer weigert sich so beharrlich, sich zu bewegen? Oder macht ein bequemes System einmal mehr bequem?
Die Antwort bleibt im spekulativen Raum der Behördenflure verborgen. Es ist jedoch stark zu vermuten, dass die maßgeblichen Protagonisten in Schulaufsicht und Sportfunktionärskreisen ein detailliertes Verbleibmodell schlichtweg nicht wollen. Man klammert sich an die „reine Lehre“: An diese Schulen gehören nur jene, die im Hamsterrad des Leistungssports funktionieren und Medaillen erwarten lassen. Wer nicht mehr liefert, verliert seinen Platz am Standort.
Dabei müsste man nur wenige Kilometer über die Landesgrenze schauen, um zu sehen, wie es besser geht: Die Sportschule Potsdam praktiziert ein integratives Miteinander von Leistungs- und Breitensportlern seit Jahren erfolgreich und erfreut sich extrem hoher Beliebtheit. Dort werden Jugendliche nicht aussortiert, sondern begleitet. In Berlin hingegen herrscht an den drei Eliteschulen seit Jahren eine schleppende Nachfrage bei den Neuanmeldungen für den 7. Jahrgang. Das Desinteresse der Eltern ist Teil der Quittung für ein System, das Kinder nach dem Leistungsprinzip alternativlos aussondert.
Warum also gelingt Berlin nicht, was Potsdam selbstverständlich praktiziert? Vielleicht, weil die antiquierten Gesetze des Leistungssports in Berlin noch immer als unverrückbare Wahrheit gelten. Vielleicht, weil manche Verantwortliche glauben, dass nur der Sieg zählt – und wer nicht mehr siegt, auch nicht mehr zählt. Vielleicht aber auch, weil Veränderung immer dort am schwersten ist, wo Machtstrukturen sich über Jahre verfestigt haben.
Doch im Kern geht es um etwas Wichtigeres: um die Würde der Jugendlichen. Um jene, die gekämpft haben, gelitten haben, verzichtet haben. Um jene, die nicht nur Medaillen, sondern auch Rückschläge und Verletzungen gesammelt haben. Um jene, die nicht einfach abgeschoben werden dürfen, weil ihre Leistungen nicht mehr glänzen.
Vielleicht, eines Tages, wird Berlin verstehen, dass Fürsorge kein Luxus ist, sondern zum Fundament einer verantwortungsvollen Sportmetropole gehört. Bis dahin bleibt die Hoffnung – und die Frage, wie lange man auf einer Achterbahn fahren kann, ohne dass jemand merkt, dass sie längst nicht mehr vorankommt.
Die Sportlerinnen und Sportler hätten es verdient!